
DENKBAR: Stress bewältigen
Wo Stress herkommt & warum er auf Dauer immer kontraproduktiv ist
Ich hatte in meinem Leben zwei Burn-outs. Und ich hätte wahrscheinlich noch einen dritten bekommen, wenn ich nicht verstanden hätte, warum ich immer wieder hineinrutsche und wie ich dagegen halten muss.
Bei meinem ersten Burn-out war für mich relativ klar, woher er kam.
Ich führte ein Unternehmen mit 18 Mitarbeitenden, trug viel Verantwortung und hatte drei kleine Kinder. Nach der Trennung von meinem ersten Mann fehlte mir ein Partner, der mich im Privaten unterstützte und mich im Alltag auffing.
Um sechs Uhr morgens aufstehen. Kinder fertig machen. Die erste Stunde im Büro konzentriert nutzen, bevor alle da waren. Um 14 Uhr wieder die Kinder versorgen. Und wenn möglich nochmal ins Büro, wenn nicht, abends nochmal ran, wenn alle schliefen.
Das Unternehmen musste laufen. Die Kinder mussten versorgt werden. Rechnungen und Darlehensraten mussten bezahlt, Kunden betreut und Mitarbeiter geführt werden.
Es funktionierte, gut. Ich funktionierte. Aber es war einfach zu viel.
- Zu viel Arbeit.
- Zu viel Verantwortung.
- Zu viel Druck. Keine Zeit für mich.
Das ganze Kämpfen und Rödeln hat mich weit gebracht im Leben. Es hätte mir aber auch fast die Tür zugemacht.
Obwohl ich bereits merkte, dass es mir zunehmend schlechter ging, machte ich weiter und weiter. Ich war überzeugt, keine andere Wahl zu haben. Wer hätte es denn sonst machen sollen?
Das stellte sich später zum Glück als unwahr heraus.
Der bequeme Denkfehler
Meistens denken wir im Zusammenhang mit Stress zuerst an zu viel Arbeit und an andere Menschen, die schuld sind:
- Volle Kalender, wichtige Termine, Zeitdruck, Verantwortung und Aufgaben, die nicht weniger werden.
- Die Mitarbeitenden funktionieren nicht. Der Partner fehlt im Haushalt. Die Kinder brauchen mich.
Und ja, an all dem ist auch etwas dran. Die Belastungen waren real. Ich habe sie mir nicht eingebildet und ich war auch nicht einfach zu schwach dafür.
Trotzdem, selbst Verantwortung für mein eigenes Leben zu übernehmen, setzt nicht gleichzeitig voraus, dass ich mir selbst die Schuld an allem geben musste.
Woher Stress wirklich kommt
Stress entsteht nicht allein durch die Menge dessen, was wir tun.
Er entsteht vor allem dadurch, wie wir denken, fühlen, angetrieben sind und uns verhalten.
Wenn du mich bereits kennst, weißt du, wie wichtig innere Motive und Antriebskräfte im Leben sind. Können wir sie passend ausleben, geben sie uns Energie geben und bringen uns weiter.
Aber die Regel ist das nicht.
Manche haben viele hohe Motive, deren Antriebskräfte ständig zu viel Gas geben und in den Stress treiben, z. B. wenn eine Führungskraft ihren hohen Leistungsantrieb auf das ganze Team überträgt, ohne dass die Motive dort ähnlich hoch liegen.
Andere haben eher niedrige Motive und können nicht erfüllen, was von ihnen gefordert und erwartet wird, z. B. wenn die Abenteuerlust gering ist und man Aufgaben übernehmen muss, die Mut und Risikofreude voraussetzen.
Versuchen wir über Jahre hinweg, jemand zu sein, der wir gar nicht sind und uns entgegen unserer eigenen Werte, Motive und Bedürfnisse ständig anzupassen, eventuell noch verstärkt durch ein neurodivergentes Muster, kann daraus erheblicher Dauerstress entstehen.
Ist Stress nicht manchmal sogar gut?
Kurzfristiger Stress ist kein Feind. Er kann sogar Energie geben, besonders bei Menschen mit starken Leistungsmotiven wie Wettbewerb oder Abenteuerlust.
Wenn beispielsweise eine wichtige Aufgabe, eine Prüfung, ein Wettbewerb ansteht, wir schnell reagieren müssen oder uns auf eine Herausforderung konzentrieren, mobilisiert der Körper Energie. Wir werden wacher, der Herzschlag beschleunigt sich, die Aufmerksamkeit und viele Funktionen im Körper richten sich auf das, was gerade wichtig erscheint.
Eine solche Reaktion kann uns kurzfristig leistungsfähiger machen.
Sie sollte nur wieder enden, denn wenn der Ausnahmezustand zum Dauerzustand wird und unser Nerven- wie Hormonsystem nicht mehr zur Ruhe kommen, beginnen die wirklichen Probleme.
Was im ganzen Körper tatsächlich passiert
Stress ist nicht bloß Kopfsache, Einstellung oder persönliche Empfindlichkeit.
Im Körper wird eine ganze Reaktionskette ausgelöst.
Das sympathische Nerven- und das Hormonsystem werden aktiviert. Erhöhtes Adrenalin und Noradrenalin sorgen dafür, dass wir schnell reagieren können. Über die hormonelle Stressachse wird außerdem vermehrt Cortisol ausgeschüttet, das dem Körper hilft, Energie bereitzustellen und die Stressreaktion zu regulieren.
Diese Reaktion gehört zu unserem alten biologischen Kampf-oder-Flucht-System:
- Herzfrequenz und Blutdruck steigen.
- Blut samt Sauerstoff wird für mehr Konzentration und Kraft vermehrt ins Gehirn und die Muskeln gepumpt.
- Adrenalin und Noradrenalin steigen an.
- Weitere Hormon- und Botenstoffsysteme verändern sich und haben Einfluss auf diverse Körperfunktionen.
Problematisch wird es, wenn dieser Zustand über längere Zeit bestehen bleibt. Dann kann sich die Regulation der Stressachse verändern, worunter Schlaf, Stimmung, Konzentration, Verdauung und Energie erheblich leiden können. Bei Frauen oft ganz anders als bei Männern.
Wiederholte Hormonmessungen bei mir über eine ganze Woche, viermal täglich, zeigten damals: Es war kein Cortisol mehr nachweisbar, Adrenalin blieb auf Dauerhoch, Serotonin auf Dauertief. Die Folgen für mich: Ich war unter Dauerstrom und gleichzeitig total erschöpft und depressiv.
Meine Ärztin erklärte mir, meine Nebennieren seien komplett eingeschlafen, und wollte ihren Verdacht auf “Morbus Addison” mit einer weiteren speziellen Untersuchung abklären. Bei einer bestätigten Diagnose wäre eine Behandlung mit Kortison notwendig geworden, möglicherweise ein Leben lang.
Die Aussicht darauf erschreckte mich und ich habe mich zunächst dagegen entschieden. Ich suchte nach einem alternativen Weg und fand ihn zum Glück. Aber das ist jetzt ausdrücklich keine allgemeingültige Empfehlung für jeden, denn solche Entscheidungen können auch schwerwiegende Konsequenzen mit sich bringen. Für mich war das damals so richtig und meine ganz eigene, informierte Entscheidung.
Wann Führungskräfte aufmerksam werden sollten
Nicht nur privat, auch im beruflichen Alltag kann Dauerstress vernichtend sein: nicht nur für die gestressten Mitarbeitenden, sondern auch für die Arbeitgeber. Und die Anzeichen kommen schleichend, oft mit einer falschen Bewertung.
- Es beginnt mit Präsentismus: Mitarbeitende sind zwar anwesend, ihre Leistungsfähigkeit sinkt aber spürbar. Oft nicht, weil sie keine Lust, sondern einfach keine Energie mehr haben.
- Danach können Fehlzeiten aufgrund stressbedingter Erkrankungen folgen, manchmal über Wochen oder Monate.
- Und schließlich kann es in Kündigungen enden, mit allen emotionalen, gesundheitlichen und materiellen Konsequenzen, die man sich für beide Seiten hätte sparen können.
Eigene hohe Leistungsmotive in Führungsebenen sollten deshalb niemals zum Maßstab für ein ganzes Team werden. Kurzfristiger Druck kann mobilisieren. Dauerhafter Druck macht Menschen nicht dauerhaft leistungsfähiger, sondern verbraucht genau die Kräfte, die ein Unternehmen eigentlich braucht.
Warum Urlaub, Atemübungen und Meditation bei Dauerstress allein nicht reichen
Viele Menschen freuen sich das ganze Jahr auf ihren Urlaub und sind voller Hoffnung, sich dort endlich zu erholen. Und dann geht es ihnen oft erstmal schlechter statt besser. Sie sind müde, gereizt und können nicht abschalten. Manche werden sogar krank, sobald der Druck nachlässt. Der Körper holt sich auf unangenehme Art seine längst überfällige Auszeit.
Genauso kann es mit Atemübungen, Yoga oder Wellnesswochenenden passieren. Ich halte sie alle für außerordentlich wichtig. Sie helfen dem Körper, zwischenzeitlich aus einer hohen Aktivierung herunterzukommen.
Aber bei echtem Dauerstress lindern sie oft nur die Symptome und verpuffen schnell wieder, wenn die eigentlichen Ursachen bestehen bleiben.
Alles hilft nur begrenzt, wenn man danach in genau dasselbe Leben zurückkehrt und genauso weitermacht wie vorher.
An die Ursache zu gehen, erscheint gleichzeitig sehr unbequem, ist man doch eh schon gestresst:
- Grenzen ziehen, die man lange vermieden hat.
- Das eigene Verhalten verändern, wenn sich doch die anderen ändern sollten.
Und manchmal geht es noch um viel mehr, von außen kaum sichtbar, weil man seit Jahren so stark maskiert und eine Rolle gespielt hat, dass man selbst nicht mehr weiß, wer man eigentlich ist, und der ganz normale Alltag dabei schon einen großen Teil der Energie verbraucht hat.
Wieder bei sich selbst andocken
Ich habe in meinem Leben sehr viel gegeben, mich angepasst und gekämpft. So sehr, dass der Kampf zum Krampf wurde und mich fast alles gekostet hätte.
Erst spät habe ich verstanden, wie viel Energie ständige, stille Anpassung und der Kampf dahinter kostet.
Dabei ist es egal, ob man, wie bei mir, beispielsweise Ruhe und Rückzug benötigt, sich aber dauernd mit vielen Menschen umgeben muss. Oder auch andersherum, ob man ständig in Bewegung sein muss, aber den ganzen Tag “festgebunden” ist an einen Schreibtischstuhl.
Ich musste mir auf jeden Fall eingestehen, dass ich nicht so weitermachen kann.
Mir war klar: Ich muss loslassen, und die Veränderung muss bei mir beginnen.
Loslassen bedeutet nicht, alles gleich hinzuwerfen. Es bedeutet auch, sich selbst wieder ernst zu nehmen und nicht länger zu glauben, man müsse so denken, fühlen und wahrnehmen, wie andere es für normal oder richtig halten.
Aber zu akzeptieren, von allein verändert sich nichts, und nicht mehr überall „Ja“ zu sagen, wo ich eigentlich „Nein“ meinte, waren wichtige erste Schritt für mich.
Ich weiß heute, wie viel sich verändern kann, wenn man bereit ist hinzuschauen und Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.
MÜKÖWO: 3 Fragen, die weiterhelfen
Ja, manchmal kann man nicht einfach schnell kündigen, sich trennen oder alle Verantwortung, vor allem gegenüber seinen Kindern, hinter sich lassen.
Aber man kann anfangen, genauer hinzuschauen und folgende wichtige Fragen zu beantworten. Achtung: Bitte dafür Zeit nehmen und ganz ehrlich in sich reinhören, denn sonst trickst das Gehirn uns aus und antwortet vorschnell reaktiv und nicht reflexiv:
- MUSS ich wirklich genau so weitermachen?
Ja / Nein - KANN ich genau so weitermachen?
Ja / Nein - WILL ich so weitermachen?
Ja / Nein
Diese Fragen, ehrlich beantwortet, bringen einen weiter als jedes Warten auf Veränderung von außen. Denn am Ende bleibt immer das eigene Handeln der Bereich, auf den man den größten Einfluss hat, auch wenn seine Möglichkeiten im ersten Moment klein, unbequem oder unfair erscheinen.
Eine kleine Geschichte zum Schluss, die zeigt, wie die Lösung aussehen kann
Vor einiger Zeit hatte ich eine junge Frau im Coaching, die aus dem Ausland nach Deutschland kam, um Medizin zu studieren. Sie wollte eigentlich die Entscheidung durch ein Coaching klären, ob sie ihr Studium pausieren oder weitermachen soll.
Ein Blick im Vorfeld auf ihren eingestellten Lifesensor und ihre IMA© zeigte mir jedoch ein klares Bild: Hier musste zuerst ein anderes Thema bearbeitet werden, das in die Hände eines Therapeuten gehörte und nicht in die eines Coaches.
Die ersten Sätze im Gespräch bestätigten meinen Verdacht Richtung Burn-out und Depression: Das Studium überforderte sie völlig, ihr Freund trennte sich kurz zuvor von ihr, sie musste eine neue Wohnung suchen, zusätzlich Arbeit finden, um sich die Wohnung leisten zu können, und gleichzeitig noch ein Visum sichern.
Irgendwann ging gar nichts mehr, nicht einmal mehr der Weg zur Universität: seit Wochen.
Ihre größte Sorge war, ihre Eltern zu enttäuschen, die sie immer finanziell unterstützt hatten, falls sie das Studium aufgeben würde. Sie passte sich an, verbarg ihre Überforderung und versuchte weiter zu funktionieren.
Ein einziges Gespräch mit ihren Eltern war aber der erste wichtige Schritt, der anschließend alles veränderte. Wir hatten es gut vorbereitet: auf Augenhöhe und nicht aus der Kinderrolle heraus geführt. Die Eltern reagierten verständnisvoll und offen, ganz anders, als sie glaubte.
Sie ging zurück nach Amerika, konnte fürs Erste bei ihren Eltern wohnen, um in Ruhe gesund werden zu können. Sie suchte sich einen passenden Therapeuten, der ihr dabei half, aus der Depression herauszukommen.
Ich weiß heute und freue mich sehr für sie, dass sie das geschafft hat, eine eigene Wohnung bezogen hat und nun mit neuer Kraft ihren eigenen Weg geht.
Aus meiner Coachperspektive bin ich immer wieder froh, Analysetools an der Hand zu haben, die mir in solchen Fällen helfen, meine Grenzen als Coach zu erkennen.
Nicht selten höre ich, dass Stressthemen vorschnell als Zeitmanagementproblem behandelt werden oder gar nicht erkannt wird, was im Verborgenen schlummert, wenn Kunden mit einer ganz anderen Fragestellung ins Coaching kommen.
Erschöpfung, körperliche Warnsignale und depressive Symptome müssen aber wahr- und ernst genommen werden. Und ein guter Coach muss zumindest erkennen, wann Entwicklung begleitet werden kann und wann medizinische oder therapeutische Unterstützung notwendig ist.
Wenn du für dich tiefer schauen willst
In meinem Artikel “Warum wir Denkzeuge brauchen” kannst du mit dem Lifesensor in wenigen Minuten sehen, wo dein größter Stresspunkt gerade liegt.
Mit der IMA© kannst du herausfinden, was dich antreibt oder ausbremst.
Sollte sich beim Lesen ein Gedanke bei dir gemeldet hat, dass solche Anpassungsmuster auch bei dir oder deinem Partner vorhanden sind, lohnt sich vielleicht ein Blick auf PairPattern©.
Und falls du gerne Podcast hörst und an diesem Thema interessiert bist, gibt es auch noch eine Podcast-Folge mit Julia Meder und mir dazu: „Stressbewältigung, wenn keine Zeit mehr für sich selbst bleibt und alles zu viel wird“.
Quellen:
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