
DENKBAR – Neurodivergenz im Alltag erkennen
Bin ich wirklich “gestört” oder warum fühle ich mich mein Leben lang falsch?
Es war wie so oft ein sehr intensives, interessantes Telefonat mit meiner lieben, langjährigen Freundin. Aber diesmal machte es mich sehr nachdenklich.
Sie hatte die Vermutung geäußert, dass sie einen Mix aus autistischen Zügen kombiniert mit Komponenten von ADHS haben könnte.
Wie konnte mir das bis dahin nicht auffallen?
Ich begann zu recherchieren und stieß dabei auf eine Sendung von ZDFheute: “Hochfunktionaler Autismus wird bei Frauen häufig übersehen”.
Mir gingen so viele Lichter auf: über mein eigenes Leben, über meine nicht immer reibungsfreien Beziehungen, über die Erziehung meiner Kinder.
Ich entdeckte, was Masking, der wohl entscheidende Unterschied zwischen Männern und Frauen, mit ihr, aber auch mit mir selbst gemacht hat.
Ich bin in einem kleinen bayerischen Dorf aufgewachsen, wo Tradition ganz groß geschrieben wird. Wenn du dich da nicht anpasst, bist du raus.
Also habe ich mich angepasst. 47 Jahre lang mich verbogen und mich falsch gefühlt.
Stress, Burnout, Depression waren die Folgen. Zum Glück fand ich durch unsere Tools und ein paar andere Methoden meinen Weg und konnte Stück für Stück die letzten 10 Jahre meine Maske ablegen.
Viele andere Frauen (und auch manche Männer) haben dieses Glück nicht. Daher war ich auch so entsetzt darüber, wie Frauen mal wieder übersehen werden.
In der Medizin wissen wir inzwischen, dass Frauen über Jahrzehnte hinweg häufig nur anhand männlicher Symptome diagnostiziert und behandelt wurden.
So also auch in der Psychologie?
Ich stürzte mich umgehend in das Thema und stieß auf viele Foren mit traurigen Geschichten: Mobbing, Ausgrenzung, sich ein Leben lang nicht verstanden fühlen, Fehldiagnosen, Fehlbehandlungen, psychische Folgeerkrankungen …
Aber ich fand auch vieles, das zum Glück jetzt in die richtige Richtung geht. Es gibt bessere psychologische Diagnosetools und neue Therapieansätze. Das ist beruhigend.
Doch durch meine ganze Recherche bewegte mich inzwischen noch viel mehr.
Es ging mir nicht mehr nur um Autismus oder ADHS und passende Diagnosen.
Es geht mir um etwas viel Grundsätzlicheres.
Je länger ich recherchierte, desto mehr hatte ich das Gefühl, dass wir gesellschaftlich fast nur über zwei Kategorien reden. Dazwischen scheint es kaum Raum zu geben.
Warum wird immer nur über zwei Extreme gesprochen?
Entweder jemand gilt als neurotypisch, also normal. Oder er erhält irgendwann eine Diagnose und zählt zu den psychisch kranken Menschen oder zu denen mit psychischen Störungen, die teilweise als nicht heilbar eingestuft werden.
Aber was ist mit all den Menschen dazwischen? Zwischen normal und “krank” oder “gestört”?
Was ist mit den vielen Menschen, die
- sich ihr Leben lang irgendwie anders fühlen,
- sich immer wieder missverstanden fühlen,
- sich ständig anpassen, weil sie glauben, mit ihnen stimme etwas nicht,
- Gespräche anders wahrnehmen,
- Reize intensiver erleben,
- Zusammenhänge erkennen, die andere nicht sehen,
- so fokussiert sind, dass sie alles andere um sich herum vergessen, ohne dabei andere damit vor den Kopf stoßen oder gar verletzen zu wollen?
Brauchen wir wirklich immer erst eine Diagnose, damit wir anfangen dürfen, anders zu sein?
Müssen wir alle gleich funktionieren?
Ab wann geht “Störung” los und wer legt das eigentlich fest?
Zu dieser Frage möchte ich gerne meine Freundin sprechen lassen:
“Ab dem Zeitpunkt, an dem man in eine Gesellschaft hineingeboren wird und von einem erwartet wird, sich neurotypisch / ‘normal’ zu verhalten.
- Wenn man dafür ausgelacht, beschimpft, missverstanden, ausgegrenzt, gemobbt und geschlagen wird.
- Wenn man alles versucht, um ‘normal’ zu sein und sich selbst zu maskieren, um nicht ständigen emotionalen oder physischen Gefahren ausgesetzt zu sein, und am Ende des Tages trotzdem kaputt ist und sich schämt, nicht wie die anderen zu sein.
- Wenn man es einfach nicht ändern kann, aber andere ständig erwarten, dass man sich ändert, anstatt ihren eigenen Umgang damit zu ändern und einfach mal echtes Verständnis für die Andersartigkeit aufzubringen.
Es ist keine Störung. Was jedoch gestört ist, ist zu erwarten, dass alle gleich sein müssen, gleich wahrnehmen, und gleich empfinden.”
Was befindet sich zwischen den beiden Extremen?
Wenn dich meine Freundin damit emotional genauso berührt wie mich, dann verstehst du sicher, dass ich nicht einfach nichts tun konnte.
Mehrere Fragen beschäftigten mich dabei:
- Ist eine Eigenschaft eventuell gerne zu schnell eine Störung, wenn sie nicht in unsere gesellschaftlichen Erwartungen passt, und braucht es wirklich immer gleich eine Therapie?
- Warum fällt es uns so schwer zu akzeptieren, dass Menschen unterschiedlich denken, wahrnehmen, fühlen und handeln?
- Wie viel Leid und eventuell psychische Erkrankungen wie Depression entstehen durch unsere Unterschiede und dadurch, dass wir Unterschiedlichkeit noch immer viel zu oft negativ bewerten, statt sie zu verstehen und als Stärke zu sehen?
Um mich nicht falsch zu verstehen: Ich will niemanden vor den Kopf stoßen oder etwas daran ändern, wo glasklar eine Krankheit oder psychische Diagnose vorliegt, und dafür genau die richtige Hilfe angeboten wird. Das ist wunderbar.
Es geht mir um die vielen, vielen Menschen, die ich oben beschrieben habe.
Ich führte mehrere Gespräche darüber mit meinem Mann und Geschäftspartner Oliver. Ihn bewegte das alles ähnlich wie mich.
Also legten wir los und haben das gemacht, was wir immer gemacht haben, wenn wir vor einer größeren Herausforderung standen, für die wir keine gute Lösung draußen fanden.
Wir begannen, ein neues Denkzeug zu entwickeln: wie immer aus dem Ansatz, mehr Klarheit, Orientierung und besseres Miteinander zu bekommen.
Erstmal wieder für uns selbst.
Aus einer Frage wurde ein neues Denkzeug.
Zunächst beschäftigten wir uns intensiv mit Autismus und ADHS.
Doch schnell merkten wir: Da steckt so viel mehr dahinter.
Wir entdeckten mehr und mehr Dimensionen, die in der Wissenschaft als Neurodivergenz (vom griechischen neuron = Nerv und lateinischen divergere = abweichen) diskutiert werden.
Neurodivergenz beschreibt das Phänomen, dass das menschliche Gehirn und die neurologische Entwicklung von Personen auf eine Weise funktionieren, die von der gesellschaftlichen Norm – dem sogenannten Neurotyp – abweicht. Dies ist keine Krankheit, sondern eine natürliche Variation der menschlichen Informationsverarbeitung (Quelle: Barmer).
Insgesamt gibt es aktuell 10 neurodivergente relevante Dimensionen, über die am häufigsten gesprochen wird.
Wir begannen, die Unterschiede zu untersuchen und einen Fragebogen zu entwickeln, der am Ende in einer grafischen Auswertung die Einordnung in die Dimensionen abbildet, wissenschaftlich fundiert und mit einem begleitenden Buch, das zeigt, wie man im Alltag besser damit klarkommt.
Als ein Denkzeug, wie man unsere Denkzeuge® kennt: klärend und öffnend für neue Wege, ohne zu bewerten, ohne zu diagnostizieren.
Ein Denkzeug, das auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu neurodivergenten Ausprägungen aufbaut und Menschen und Paare dabei unterstützen soll, ihre eigenen Denk-, Wahrnehmungs-, Beziehungs- und vor allem Kommunikationsmuster besser zu verstehen.
Denn Verständnis ist immer der erste Schritt zu einem besseren Miteinander.
Für jeden von uns.
Vielleicht wird es langsam Zeit, weniger zu bewerten und mehr Verständnis füreinander zu haben
Oliver und ich lieben es, in einer Welt zu leben, in der nicht alle gleich denken. Es inspiriert uns, es fordert uns heraus und es lässt uns Stück für Stück zu einer besseren Version von uns selbst werden.
Aber obwohl wir uns seit Jahren bereits durch unsere IMA© sehr gut kennen und verstehen, hat die Auswertung nochmal ganz neues gegenseitiges Verständnis für uns gebracht. Plötzlich ergaben viele Dinge nochmal einen ganz anderen Sinn.
Oliver und ich prallten immer mal wieder trotz unserer Kenntnis über unser unterschiedliches Motiv Ordnung/Struktur zusammen. Die Auswertung hat uns nochmal deutlicher gemacht, warum. Seitdem verstehe ich, dass er es nicht absichtlich macht oder böse meint, wenn er wieder mal Chaos verursacht. Und er versteht, dass ich nicht anders kann, als Dinge immer wieder zu ordnen, und bemüht sich mehr.
Reibungen und Konflikte entstehen nicht dadurch, dass wir falsch sind oder Dinge absichtlich anders machen, um den anderen zu ärgern, sondern dadurch, dass wir oft viel zu wenig über die unterschiedlichen Arten wissen, wie unsere Gehirne “verschaltet” sind.
Unsere Kinder haben uns anschließend dazu ermutigt, dieses Denkzeug der ganzen Welt anzubieten.
Als erstes stellten wir es unseren langjährigen Partnercoaches bei den Denkzeuge®-Partnertagen vor und wollten ihre Meinung dazu hören. Die Reaktionen haben uns tief berührt. Sie waren sich alle einig: “Das ist ein Urknall. Das ist das neue Normal. Das braucht die Welt gerade jetzt!”
Das hat uns bestärkt, PairPattern©, wie wir es jetzt nennen, zu veröffentlichen. Damit mehr Menschen sich mehr dafür öffnen, dass jeder unterschiedlich wahrnehmen, denken, fühlen und handeln darf.
Und dass am Ende jeder sein ICH entsprechend ins WIR integrieren muss, ob neurotypisch oder neurodivers, wenn er sich eine bessere Welt wünscht.
Wenn du verstehen willst, wo du in diesem Spektrum liegst, dann kannst du mit der kostenlosen PairPattern©-Mini-Analyse unverbindlich herausfinden, wo du im Spektrum liegst, oder dir gleich das komplette PairPattern©-Denkzeug holen – entweder nur allein für dich oder gleich zusammen mit deinem Partner.
Die wissenschaftlichen Quellen zur Analyse findest auf der PairPattern©-Seite und im Buch zur Auswertung,
Schreibe einen Kommentar
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.